Der Zorn der Zopetscharte

Tourenbericht aus 1999
Von Peter M. Faißt

«Bis nachmittags hält das Wetter!» versprechen die Einheimischen, als ich angesichts der tiefhängenden Wolken etwas skeptisch das Hüttentaxi besteige. Die Fahrerin berichtet sogar, weiter oben sei alles frei und der Venediger stehe vor strahlend blauem Himmel.

Letzter Urlaubstag. Ich wollte partout noch eine stramme Tour gehen, ist es doch meistens so, dass man nach vierzehn Tagen Bergaufenthalt erst die richtige Kondition antrainiert hat. Auch auf steilen Wegen pulst das Blut dann eher gemächlich, und die elende Schnauferei an der Dreitausendmetergrenze ist Vergangenheit.

Das Taxi kutschiert mich gemütlich zur Johannishütte. Tatsächlich reißt die trübe Suppe in der Nähe des Gumpbachkreuzes auf und Augenblicke später blitzt mir der Großvenediger eisig entgegen.

Endlich einmal wieder über die Zopetscharte! Das letzte Mal bin ich vor sieben Jahren diesen Weg gegangen, damals in sengender Hitze. Heute ist das Wetter eher für stramme Touren geeignet und ich hoffe, im Lauf des Tages den Rückweg über Sajathütte und Sajatscharte bewältigen zu können.

Aufstieg...

Wie immer drücken die ersten steilen Meter unangenehm in meinen Knochen. Ich habe immer meine Schwierigkeiten während der ersten Stunde, dann aber kann ich problemlos den ganzen Tag marschieren.

Der Weg ist feucht und schlüpfrig, da heißt es aufpassen, denn mehr als einmal versinken die Bergstiefel bis zum Knöchel im Morast - gelegentlich mag es auch eines der zahlreich umherliegenden viehischen Naturprodukte sein.

Etwas oberhalb der Johannishütte ist eine Felsnase zu überwinden. Der Weg ist ausgetreten und schlecht, die Feuchtigkeit tut ihr übriges dazu, dass diese Passage zur Zeit als höchst gefährlich zu gelten hat. Bedächtig presse ich die Enden der Teleskopstöcke in den bratschigen Untergrund um auf jeden Fall gut abgestützt zu sein und drücke mich vorsichtig nach oben. Diesen Weg möchte ich bei diesen Verhältnissen nicht unbedingt in der Gegenrichtung gehen!

Nach diesem Hindernis geht es nun eher gemächlich weiter. Die mäßige Steigung erlaubt ein gleichmäßiges Gehen und führt dennoch dazu, dass fast unmerklich die vielen Höhenmeter überwunden werden.

Der Weg verzweigt sich. Rechts führt der Sajathöhenweg über die Scharte zur Sajathütte. Ich hoffe, an diesem Tag noch aus der Gegenrichtung zurückzukommen. Langsamen Schrittes steige ich weiter zur Zopetscharte. Die Almwiesen treten zurück, es wird felsiger und auch anstrengender. Bald zeigt sich die Zopetscharte im Blickfeld, zum Greifen nah, aber dennoch eine gute Dreiviertelstunde entfernt.

Vom blauen Himmel ist nun nichts mehr übrig geblieben, der Himmel zeigt sich in hellem, aber keineswegs unfreundlichen oder bedrohlichen Grau. Ich schaue zurück ins Dorfertal und über die Bergkette, die vor dem Maurertal steht: alles noch im grünen Bereich.

Elf Uhr: ich stehe auf der Zopetscharte. Im Timmeltal steht die Eisseehütte in einem zarten Sonnenloch, auch der Eissee blitzt halbwegs freundlich herüber. Nachdem ich das durchschwitzte T-Shirt gegen ein frisches ausgetauscht und die Windjacke übergezogen habe, krame ich die Fotoausrüstung aus dem Rucksack, um ein paar Stativaufnahmen zu machen. Da gerät mir das Handy in die Finger. Ich habe wegen der unsicheren Wetterlage versprochen, meine Frau von unterwegs anzurufen.


Wettersturz...

«Ich bin jetzt oben!», vermelde ich leicht abgehackt. Bevor ich noch weitere Details von mir geben kann, höre ich die Aufforderung: «Mach' bloß, dass du von dort oben verschwindest! Es zieht sich alles zu!»

Ich stutze ein wenig, denn so schlimm erscheint mir die Wetterlage nicht. Ich verspreche meiner Frau, gleich nach dem Schießen der Fotos ins Timmeltal abzusteigen. Dann verstaue ich das Handy wieder. Ich stelle das Stativ auf, befestige den Fotoapparat und inspiziere die Motive, die ich mir vorgenommen habe. Der Blick ins Timmeltal wird ein wenig diesiger und ganz plötzlich streicht mir ein eiskalter und scharfer Wind ins Genick. Ich spüre, wie der Schweiß auf den Spitzen meines Bartes zu kleinen Eiskristallen gefriert.

Etwas verärgert drehe ich mich um. Das Dorfertal ist verschwunden, eine dunkelgraue Wand schiebt sich zügig über den Felshang.

«Es zieht sich tatsächlich zu...», knurre ich ungläubig vor mich hin und denke, dass es vielleicht wirklich an der Zeit ist, ins Timmeltal abzusteigen. Ich verharre noch ein paar Augenblicke und stelle fest, dass die dunkelgrauen Wolkenmassen wohl in spätestens zehn Minuten die Zopetscharte erreicht haben werden.

Ich wende mich dem Rucksack zu, um schnell alles zu verstauen, da sehe ich, dass nun auch das Timmeltal unter einer trüben Schicht verschwunden ist. Sehr rasch ist der Rucksack wieder gepackt und gezurrt und ich beginne den Abstieg.


Hektischer Steilabstieg...

Es geht heftig hinunter und der Weg ist schon bei trockenen Verhältnissen mit Vorsicht zu genießen

Gerade, als ich mir ausrechne, dass ich für das problematische Steilstück nicht mehr als 20 Minuten brauchen werde, prasseln dicke Graupel auf meinen Rucksack.)

Ich schimpfe innerlich. Vor wenigen Minuten noch gefror mein Bart, jetzt fällt Eis vom Himmel, und was ich nun beileibe nicht gebrauchen kann, ist ein vereister Abstieg. Der Untergrund ist feucht, und ich prüfe bei jedem meiner raschen Schritte, ob der Tritt auch sicher ist.

Der Graupelschauer hört auf, aber bevor sich überhaupt Erleichterung in mir ausbreiten kann, beginnt es nun erst einmal sanft zu regnen. Ich blicke die paar Dutzend Meter zur Scharte zurück. Alles schwarz.

Sofort entwickelt der Boden unter meinen Füßen ein Eigenleben. Die sandbedeckten Stellen des felsigen Hanges bekommen den Charakter von Schmierseife. Ich muss tatsächlich einen Teleskopstock aus der Hand geben und mich an den unangenehm kalten und teilweise aufgesplissten Drahtseilsicherungen festhalten. Während ich mehr in die Tiefe gleite denn gehe, wird der Regen unangenehmer. Ich beschließe, nun doch auch die Regenhose anzuziehen. Aber wie? Der unsichere Stand ermutigt mich nicht gerade dazu, den Rucksack abzunehmen. Glücklicherweise befindet sich das Regenzeug in einem von außen zugänglichen Fach, aber ich habe doch meine Schwierigkeiten nach hinten zu greifen und den Reißverschluss aufzuziehen. Mehr als einmal rutscht einer meiner Füße auf der «Schmierseife» aus, irgendwie erscheint mir die Situation ziemlich prekär.

Nach einer Minute Herumgezappele, bei dem ich mich mit der linken Ellbogenbeuge schmerzhaft in das Drahtseil gehängt habe, flattert endlich die Regenhose in meiner Hand. Ich hänge eine Schlaufe der Hose mit einem Karabiner an meinen Gürtel und ziehe mit der nun freien Hand mühsam wieder das Rucksackfach zu. Und noch habe ich die Hose nicht an! Diese Regenhose ist an und für sich sehr praktisch, muss man doch nicht mit den dicken Bergstiefeln hineinsteigen: man schlägt sie in zwei Hälften um die Beine und zieht sie mit dem Reißverschluss zu. Aber jetzt mit einer Hand? Es geht irgendwie, indem ich mich nahe an Felsen stelle und mit der linken, etwas durch die Sicherung behinderten Hand nachhelfe. Noch ist meine Wanderhose nur angefeuchtet und ich bin froh, dass ich nun unter der Regenkleidung nicht mehr nass werden kann

Ich halte mich mit der anderen Hand fest und schüttele den linken Arm aus, der ein wenig eingeschlafen ist. Inzwischen - wie abgesprochen - regnet es in Strömen. Ich muss weg aus dieser Schmierseife, aber jede Hektik ist unangebracht, denn der Weg ist in diesem Zustand lebensgefährlich. Ich schiebe noch schnell einen Stock irgendwie in eine Rucksackschlaufe und gehe vorsichtig weiter.

Es knallt irgendwo hinter der Zopetscharte. Ich habe keinen Blitz gesehen und vermute das Gewitter im Dorfertal beziehungsweise im Kar hinter der Kreuzspitze. Trotzdem bekomme ich eine Gänsehaut, denn mir wird bewusst, dass meine linke Hand noch immer das sichernde Drahtseil umfasst. Ich muss von diesen Seilen weg! Zügig, aber noch immer extrem vorsichtig, rutsche ich langsam nach unten. In regelmäßigen Abständen dringen weitere Donnerschläge an mein Ohr.

Inzwischen hat sich das graue Wolkengebilde aus dem Dorfertal mit der trüben Suppe des Timmeltals vermischt und ich stecke mitten im Grau. Es ist angenehm, dass nun der Regen leicht nachlässt. Aber ich habe Angst, mitten in der Gewitterwolke zu stecken. So schnell, wie ich es verantworten kann, hetze ich weiter. Nur weg von diesen Drahtseilen, alles andere ist jetzt egal.

Ende der gesicherten Strecke! Ich atme auf, auch wenn ich vom Weg nicht sehr viel sehe, gerade einmal zehn oder fünfzehn Meter weit. Aber es reicht, denn ich weiß, dass nun keine wirklich gefährlichen Stellen mehr kommen, und verlaufen werde ich mich hier auch nicht.

Es geht immer noch stramm nach unten, die Wegverhältnisse werden besser, und als guter Bergabgeher komme ich sehr zügig voran.

Eine Viertelstunde später komme ich unter die Wolkendecke. Es regnet stärker und jetzt blitzt es auch. Der Donner folgt zwei Sekunden später, und ich empfinde diese Nähe nun doch als unangenehm, zumal ich an diesem Hang relativ exponiert bin. Trotzdem: weiter, nur weiter. Ich habe keine Lust, mich irgendwo in einer Mulde oder Nische krank zu frieren.

Es wird flach. Der Talboden des Timmelbaches ist erreicht, auf rutschigen Steinen und ein paar dazwischengekeilten Brettern überschreite ich das breite und angeschwollene Gewässer.


Flucht vor dem Gewitter

Es hat nun schon einige Minuten nicht mehr geblitzt, also beschließe ich, die Eisseehütte links liegen zu lassen und gleich abzusteigen. Mir ist die Vorstellung unangenehm, jetzt womöglich stundenlang in der Hütte sitzen zu müssen, um dann doch durch den Regen abzusteigen. Dann doch lieber zur Bodenalm, denn dort könnte mich zur Not jemand mit dem Auto abholen.

Der Weg auf der Steilstufe unterhalb der Eisseehütte ist aufgeweicht und gefährlich. Leicht rutscht man von den glatten Steinen ab oder versinkt im weichen Untergrund. Aber ich kann jetzt natürlich wieder beide Stöcke einsetzen und bin mit meinem Marschtempo recht zufrieden. Die Regenhose ist bis über die Knie mit braunem Schmutz bespritzt.

Das Gewitter hat nur eine Pause gemacht! Jetzt blitzt und kracht es in Minutenabständen. Ich denke aber nicht daran, zur Hütte aufzusteigen, auch wenn das Ganze unangenehm nah ist.

In rekordverdächtiger Zeit habe ich die Steilstufe hinter mich gebracht und renne nun fast den ziemlich ebenen Teil bis zur Wallhorn Alm. Ich überhole über ein Dutzend Leute, die in Ponchos und Pelerinen der Bodenalm zustreben. «Schön!», denke ich, «die nehmen mir keinen Platz weg!»

Nach der Wallhorn-Alm geht es noch einmal leicht nach oben über die Flanke des Kendele. Das ist mir ein bisschen unangenehm, denn auf dem Felsrücken gebe ich ein gutes Ziel ab.

Schräg hinter mir tobt das näher kommende Gewitter. So langsam geht mir auch die Puste aus, denn die letzten anderthalb Stunden haben viel Kraft gekostet. Ich bleibe zwei Minuten stehen bis sich der Puls beruhigt hat. Ich mache mir klar, dass ich jetzt gerade einmal drei bis vier Minuten ein bisschen «im Freien» gehen muss, das wird schon klappen. Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade in diesen Minuten der Blitz ausgerechnet am Kendele einschlägt, halte ich für gering.

Mit leicht gesträubten Nackenhaaren renne ich los. Natürlich kracht es genau in dem Augenblick, als ich mich mit einem verklemmten Viehgatter herumärgere. «Keep cool!» sage ich laut, denn der Einschlag war fast einen Kilometer weit entfernt. Ein weiterer Blitz - etwas näher, aber noch immer nicht beängstigend.

Bei der Felsnase am Kendele bleibe ich tatsächlich noch einen Augenblick stehen und blicke Richtung Timmeltal zurück. Schwarz und wild wälzen sich die Wolken von den Berghängen, und jetzt sehe ich auch endlich einmal zwei wunderschöne Blitze oben in die Felsen zucken.

Ich muss los. Allmählich bin ich ziemlich erschöpft, aber bis zur Bodenalm sind es jetzt nur noch knappe zehn Minuten. Ich stolpere den letzten Teil des Weges hinunter, und finde dann endlich unter dem Giebelvorbau der Jausenstation gnädigen Schutz vor dem prasselnden Regen.


Versöhnlicher Ausklang...

Ich bleibe erst einmal draußen, in der warmen Gaststube würde mein Kreislauf jetzt nicht mitspielen. Nachdem ich die Regensachen ausgezogen habe, puhle ich erst einmal das Handy aus dem Plastiksack. Meine Frau ist nun doch sehr beruhigt, denn sie hatte inzwischen erfahren, dass im Timmeltal ein fürchterliches Gewitter niedergegangen war. «Stimmt!», meine ich und muss vor Erleichterung lachen. «Ich gehe jetzt erst einmal in die Gaststube, denn es kommen noch mindestens siebzehn Leute nach mir, und vor denen möchte ich jetzt erst einmal einen Obstler und ein Weißbier!»

Ich ziehe mich schnell um, betrete die geheizte Stube und bekomme das Gewünschte. Vor Erschöpfung kriege ich das Bier fast nicht hinunter - an Essen ist überhaupt nicht zu denken.

Am Nebentisch besprechen Einheimische die Wettersituation und geben einer Gruppe von Bergsteigern, die eigentlich zur Eisseehütte aufsteigen wollen, gute aber auch sinnlose Ratschläge. Man ist sich nicht einig, die Prognosen reichen vom frühen Wintereinbruch bis zum matten Sommergewitter. Fast artet die Fachsimpelei in Streit aus, was aber sicher daran liegt, dass die Bauern und Almarbeiter bei ihrem Zwangsaufenthalt in der Gaststube ein wenig zu sehr den brennbaren Hausgeistern zugesprochen haben.

Eine Stunde später laufe ich über den Wiesachweg nach Bichl und Hinterbichl hinunter - bei strahlendem Sonnenschein! Nein, denke ich beim Abstieg, den Wetterprognosen der Einheimischen traue ich so schnell nicht mehr.


 
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