Über Kreuzspitze und Tulpspitze

Tourenbericht: September 2002 von Peter M. Faißt

Über die Wolken!

Ziemlich lahm steige ich die Treppe zum Frühstücksraum hinab. Der Lasörling steckt mir noch in den Knochen! Gestern habe ich endlich diesen Berg in die Liste meiner Gipfelsiege geschrieben. Heute ist mein letzter Tag in Hibi und ich grübele beim Kaffee über eine leichte Tour zum Ausklang nach. Der Wetterbericht verkündet «Kaiserwetter».

Als ich meine Frühstückszigarette vor dem Haus genieße, will ich daran zunächst nicht glauben. Eine geschlossene Wolkendecke liegt über dem Virgental und schneidet alle Hänge und Gipfel in weniger als 2000 Meter Höhe ab. Aber: die Wolken sind sehr hell, und wenn man in die Richtung der versteckten Sonne schaut, muss man die Sonnenbrille aufsetzen!

«Es könnte oben schön sein», vermute ich, aber die bei mir stehenden Hausgäste sind davon nicht überzeugt. Ja - oben! Aber welche leichte Tour kann mich heute über die Wolkendecke führen? Nach insgesamt 5 Wochen Hibi habe ich die «wichtigsten» Touren schon hinter mir. 

Eine kleine Gruppe will nach Matrei und mit der Seilbahn auffahren, um einen Glocknerblick zu genießen. Ich mag nicht - ist mir zu bequem, und die Blauspitze habe ich heuer auch schon gemacht. Aber «Seilbahn» ist ein guter Tipp! Ich telefoniere mit der Sajathütte und erhalte die Erlaubnis, mit der Materialbahn hochzufahren.

«In diesem Jahr war ich noch nicht auf der Kreuzspitze!» verkünde ich im Gästehaus. «Das sind gut 2 Stunden von der Sajathütte aus, das geht heute auch mit meinen lahmen Knochen! Mal sehen - vielleicht nehme ich noch die Tulpspitze mit und gehe dann über die Zopetscharte.»

Man schaut mich etwas merkwürdig an. Sprach ich nicht soeben noch von einer leichten Tour zum Ausklang?

Ich wische alle Bedenken weg und versichere, dass ich mich schon nicht übernehmen werde!

«Wenn's nicht geht, laufe ich einfach gemütlich zurück! Ich muss heute aber hoch! Bei diesem Wetter!»

Eine gute halbe Stunde später sitze ich in der luftigen Kiste der Materialseilbahn. Ich trage ein Fleece-Shirt und einen Anorak, der Septembervormittag ist ganz schön kalt.

Kaum hat sich die Seilbahn rumpelnd in Bewegung gesetzt, stecke ich mitten in der dicken Wolkensuppe. Für kurze Zeit sehe ich noch die links und rechts stehenden Bäume, dann ist es nur noch weiß um mich herum. Ein ganz merkwürdiges, unwirkliches Gefühl kriecht durch meine Adern. Sowohl bergaufwärts als auch zum Tal hin sehe ich nur wenige Meter des Tragseils, bevor es in der Wolkensuppe verschwindet. Auch unter mir nur Nebel, keinerlei Sicht auf die Hänge der Sajatmähder - ein echter Blindflug durch die Wolken!

Der kribbelnde Genuss hält nicht lange an! Nach wenigen Minuten wird es deutlich heller und ganz plötzlich hängt die Seilbahnkiste knapp über einer wie mit dem Lineal gezogenen Wolkenobergrenze. Die leuchtend weiße Ebene teilt das Virgental in etwas mehr als 2000 Meter Höhe. Und darüber: strahlend blauer Himmel!

Ich komme nicht mehr dazu, dieses Schauspiel zu fotografieren, die Kamera ist leider gut und tief im Rucksack verstaut. Ich genieße, wie sich die Seilbahnkiste langsam immer mehr über das Wolkenmeer erhebt und spüre eine heftige Vorfreude auf den Gipfelgenuss. Die Müdigkeit ist verflogen, und das bisschen Ziehen und Drücken in den Beinen werde ich ganz einfach ignorieren!

Weiter mit Teil 2


 
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Weitere Teile

Teil 1: Über die Wolken

Teil 2: Auf die Kreuzspitze

Teil 3: Etwas Adrenalin...

Teil 4: Leute gibt's!

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