Eine Tour auf die westliche Simonyspitze

Von Jürgen Bauch

Zweitausend Meter über Hinterbichl im schönen Osttiroler Virgental gibt es ein Gipfeltreffen der besonderen Art: zwei Berge gleichen Namens, durch eine Schneide miteinander verbunden, auf verschiedenen Landkarten mit unterschiedlichen Höhenangaben benannt, aber nach neuerer Literatur exakt gleich hoch – die Simonyspitzen – auf alle Fälle zwei Tage Wert, um eine davon zu besteigen.

Die westliche der Simonyspitzen konnten meine Freundin Karin und ich im August 1999, während unseres zweiten Sommerurlaubs im Virgental, dem Tal der tosenden Bäche, bezwingen. Obwohl: eigentlich hatten wir etwas anderes vor. Der Großglockner lockte uns. Hatten wir doch schon so viel von ihm gesehen, über ihn gelesen und gehört, uns informiert und waren zu dem Schluss gekommen: dies ist ein Berg für uns. Allerdings befanden wir uns in diesem August in einer recht unzuverlässigen Wetterphase. Eine «Südwestströmung», wie die Meteorologen dies nannten, hatte die Wetterentwicklung in den Alpen voll im Griff und diktierte uns unsere Unternehmungen. Am Großglockner waren in Schlechtwetterphasen Bergsteiger in Bergnot geraten. Doch erst einmal meldeten wir uns im Bergführerbüro für eine Großglockner-Tour an, in der Hoffnung für den Normalweg über die Adlersruhe noch Mitgeher zu finden. Die Zeit schritt allerdings fort und wir sahen unsere Chancen für den höchsten Gipfel Österreichs immer geringer werden. Es war uns auch klar, dass es in einer stabilen Wetterphase da oben am Glockner recht voll werden könnte. So verabredeten wir mit Alois Mariacher, dem Prägratner Bergführer, dass er uns auch eine andere Tour vorschlagen könne und das tat er dann auch bald.

Für eine Gruppe von drei Frauen plane er die Besteigung der Westlichen Simonyspitze, die Gruppe könne noch zwei Leute vertragen und überhaupt wäre das eine schöne Tour, nicht zu leicht, nicht zu schwierig, die aber auch nicht jeder ginge. Kurz entschlossen sagten wir zu und verabredeten uns auf der Essener Rostocker Hütte.

Am Tage unseres Treffens regnete es schon morgens in Strömen - und es machte auf uns nicht den Eindruck, dass es irgendwann einmal wieder aufhören würde. Wir zögerten und zögerten, vertrieben uns die Zeit mit Kartenspielen und Teetrinken und dann wieder mit Teetrinken und Kartenspielen...

Am späten Nachmittag schien sich der Grauschleier unten im Tal etwas zu lichten und mit Karins Worten «Jetzt oder Nie» setzten wir uns ins Auto, fuhren nach Ströden und begannen den Aufstieg durch das Maurertal zur Hütte. Wir gingen an der Stoanalm vorbei und bald nach dem Verschlag der Materialseilbahn folgten wir dem sich in Serpentinen den Berg hinaufwindenden Steig. Inzwischen nieselte es nur noch ein wenig und später hörte es tatsächlich ganz auf zu regnen. Karins Laune hatte sich etwas gebessert. Der Weg war zu einem Wasserlauf mutiert und wir waren froh, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, nach 2 Stunden Aufstieg und relativ trocken, nach dem letzten Anstieg auf die Moräne an der Hütte auf 2208m angekommen zu sein. Alois, unser freundlicher Bergführer sowie Ellen, Christel und Doris aus dem Westerwald, die bei ihrem frühen Aufstieg pudelnass geworden waren, saßen schon in der Hütte und wir machten uns miteinander bekannt. Alois, im Nebenberuf augenscheinlich Optimist, versicherte uns mehrfach sehr überzeugend, dass es am nächsten Tag ein «Schönwetterloch» geben werde. Wir waren eher skeptisch, denn so etwas sagen Bergführer ja eigentlich immer, um ihre Gäste bei Laune zu halten... Nachdem wir noch etwas geplaudert hatten, gingen alle (?) früh schlafen, denn der kommende Tag würde anstrengend werden.

 

Vor der Essener-Rostocker Hütte

 

Simonykees im strahlenden Licht

 

Hungrige Gletscherspalte

Am folgenden Morgen (5:30 Uhr war Wecken) schienen wir nach einer sternenklaren Nacht auf einem anderen Planeten zu sein: die Sonne ging über den Gipfeln auf und unser Ziel war klar und deutlich zu erkennen und wurde schon von den ersten Strahlen in ein wunderbares Licht gesetzt. Sollten wir tatsächlich so großes Glück haben? Alois war sicherlich froh, dass er das Wetter, an die Vorhersage glaubend, richtig eingeschätzt hatte. Schnell frühstückten und packten wir und bestens motiviert machten wir uns auf den Weg. Das Virgental, weit unter uns, war in weiße Watte gepackt; wer bei diesem wunderbaren Anblick nicht ins Schwärmen gerät, dessen Herz ist aus Stein!

Unser erstes Ziel lag noch im Schatten, es war der Simonysee auf ca. 2300m, am Fuße des gleichnamigen Gletschers, in dem sich die umliegenden Berge spiegelten. Wir passierten den See an seinem rechten Ufer und an einem geeigneten Platz legten wir Steigeisen an und banden uns ins Seil ein. Bis auf etwa 2800m gab es nur einige harmlose Spalten, um die uns Alois herumführte. Dann führte unser Weg aber durch ein schier unüberwindliches Spaltenlabyrinth. Doch Alois fand immer eine Möglichkeit und über die kleineren Spalten sprangen wir hinweg.

Waren wir erst auf dem östlichen Teil des Kees aufgestiegen, bewegten wir uns jetzt westlich unterhalb der Wände der Gubach Spitzen, um dann wieder in Richtung Nordost zu queren und dabei einen gewaltigen Gletscherbruch zu passieren. Mittlerweile hatten sich Wolken gebildet, die die Szenerie noch dramatischer wirken ließen. Wenn Alois (augenzwinkernd) einmal nicht mehr weiter wusste, ließ er seinen Eispickel über den weiteren Weg entscheiden. Er stellte ihn senkrecht hin, ließ ihn fallen und in die Richtung, in die der Pickel dann zeigte, gingen wir weiter. Tja, diese Bergführer sind eben mit allen Gletscherwassern gewaschen. Der Weg war übrigens immer der richtige. Diese Navigationsmethode scheint in der Venedigergruppe tatsächlich zu funktionieren, ist aber für Laien sicherlich nicht empfehlenswert! Wir ließen uns sehr viel Zeit beim Aufstieg, machten immer wieder kleine Pausen um diese wunderbare Landschaft zu genießen und Fotos zu machen. Einmal entging ein Mitglied unserer Seilschaft nur knapp einer hungrigen Gletscherspalte - wir hatten die Situation aber stets im Griff und gönnten dem gefräßigen Loch kein Futter. Kurz vor dem Gipfelaufbau stellte sich noch in West-Ost-Richtung ein luftiger Felsgrat wie ein Dachfirst in den Weg, bei dessen Überschreitung wir einen anregenden Tiefblick genießen konnten. Nachdem auch diese «Schlüsselstelle» überwunden war, folgte noch ein letzter vergletscherter Hang und nach ca. 5 Stunden schweißtreibenden Steigens standen wir auf der vergletscherten Gipfelkuppe der Westlichen Simonyspitze auf 3488m Höhe und gratulierten uns gegenseitig.

Niemand kann wissen, wie viele Menschen seit der Erstbesteigung im Jahre 1871 hier oben waren - wir waren an diesem Tag jedenfalls ganz allein! Die Simonyspitzen sind nach dem Naturforscher Dr. Friedrich Simony (1813 - 1896) benannt, der zu einer Zeit in den Alpen forschte, als das vergletscherte Hochgebirge noch als lebensgefährliche Hölle galt.

 

Über den Gipfelgrat

Die schnell vorbei ziehenden Wolken gaben immer wieder faszinierende Blicke frei auf den Großvenediger (den Karin und ich im Vorjahr bestiegen hatten) und seine vielen Nachbarn, auf den Großen Geiger, auf die nahe Östliche Simonyspitze durch die Simony-Schneide mit «unserem» Gipfel verbunden aber auch in westlicher und südlicher Richtung auf die Gubach Spitzen, Malham Spitzen (deren Ersteigung uns im letzten Sommer ca. fünfzig Meter unter dem Gipfel wegen zunehmenden Steinschlages verwehrt blieb) und auf die vielen, vielen Dreitausender, die wir bei den schnell wechselnden Sichtbedingungen nicht einfach benennen konnten. Doch auch der Tiefblick in die nördlichen Felsabstürze des Massivs waren sehr imposant.

Nachdem wir die Gipfelrast ausgiebigst genossen hatten, begannen wir den Abstieg, bezwangen erneut den spitzdachigen Felsgrat und gingen dann aber westwärts in Richtung Umbalkees.
Auf ca. 3400m erreichten wir dieses und konnten den Gletscher sehr gut überschauen. Die Dreiherrenspitze lag vor uns; sie zeigt sich von dieser Seite längst nicht so majestätisch, wie von der Ahrntaler Seite aus. Hier forderte nun doch noch eine gierige Gletscherspalte ihr Opfer. Nachdem die ganze Seilschaft besagte Stelle überquert hatte, brach ich als Seilletzter natürlich ein - allerdings nur mit dem linken Bein (die hungrige Spalte bekam mich nicht ganz!), was wiederum für mein rechtes Bein bedeutete, dass es sich fürchterlich verdrehte! Ich konnte mich zwar selbst aus der misslichen Lage befreien, der Spalte sozusagen das sicher geglaubte Futter entreißen, doch von nun an plagte mich ein arger Schmerz im Knie, der mir auch noch einige Tage zu schaffen machen sollte. Glücklicherweise war nichts ernsthaft beschädigt, wie am übernächsten Tag im Lienzer Krankenhaus nach eingehender Untersuchung bestätigt wurde. Die Schmerzen konnte mir jedoch nicht nicht den Genuss unseres weiteren Weges über das weitläufige, sanft abfallende Umbalkees verderben.

Wir wandten uns nun in südliche Richtung und gingen unter den Wänden der Gubach Spitzen hin zum Reggentörl auf 3056m. Hier, wo sich die südlichen Ausläufer der Gubachspitzen und der recht brüchige Nordgrat der Malhamspitzen treffen, machten wir noch einmal eine ausgiebige Rast, genossen den Ausblick und bereiteten uns auf den Abstieg vor. Dann nahmen wir den weiteren Weg zur Essener Rostocker Hütte unter die Steigeisen und bei ca. 2700m erreichten wir aufmerksam auf Steinschlag achtend den Auslauf des Gletschers. Auf dem gekennzeichneten Steig, der Seitenmoräne folgend, kamen wir bald an den Abzweig zum Rostocker Eck einem Aussichtspunkt auf 2749m, den Carl Bremer Weg; eine im übrigen sehr empfehlenswerte Rundwanderung von der Essener Rostocker Hütte aus, die als Tagestour auch aus dem Tal gut zu schaffen ist. Nach neun Stunden kehrten wir erschöpft und zufrieden wieder in die Hütte ein. In dem sehr gut geführten DAV-Schutzhaus setzten wir uns zusammen und ließen die Tour bei gleichzeitigem, notwendigem Flüssigkeitsnachschub noch einmal Revue passieren. Bald packten wir unsere Rucksäcke in die Materialseilbahn und um diese Last erleichtert nahmen wir den Abstieg ins Tal in Angriff. Unten am Parkplatz angekommen verabschiedeten wir uns voneinander und waren uns dabei alle einig: wir hatten eine wirklich großartige Tour erlebt! Für mich war es eine meiner schönsten Gletschertouren überhaupt. Einige Tage allerdings plagte mich noch eine schmerzhafte Erinnerung daran; mein Knie hatte seine ursprüngliche Form sehr verändert und seinen Umfang erheblich vergrößert, doch dank guter Pflege mit kühlen Topfenpackungen und homöopathischem Mittel ging auch dies bald vorbei.
Ach, übrigens: die oben als meine Freundin bezeichnete Karin - sie ist dann einige Tage später in Bruneck/Südtirol, in der zu uns passenden alpinen Kulisse also, meine Ehefrau geworden...

 

 

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I ♥ HIBI aktualisiert: 09.07.12
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