Eine verschärfte Durchquerung

Von St. Jakob im Defereggental über die Neue Reichenberger Hütte
und über ein paar «Umwege» zurück ins Virgental.
Von Peter M. Faißt (1997/2000/2002)

Eine Durchquerung der Lasörlinggruppe von St. Jakob im Defereggental hinüber ins Virgental ist auf dem einfachsten Weg in etwa 6 Stunden zu schaffen und gehört zu den eindrucksvollsten Touren für «normale» Bergwanderer. Nur das Hin- oder Herfahren ist ein wenig lästig, vor allem, wenn man lieber das eigene Auto nimmt, um sich nicht von den Busabfahrtszeiten stressen zu lassen. So organisieren sich meistens Wandergruppen: Mit einem Auto fährt man morgens gemeinsam ins Defereggental, mit dem anderen wird abends der Wagen wieder abgeholt.

In jedem Bergurlaub drängt es mich mindestens einmal zu einer einsamen Solotour, was meine Frau dann geduldig zu ausgedehnten Ruhepausen auf der Islitzer-Alm nutzt. Nachdem ich die einfache Durchquerung in einer oft plappernden Wandergruppe bereits kennen gelernt hatte, wollte ich im Sommer 1997 die Eindrücke auf diesem Weg allein auf mich wirken lassen. Mit der mir eigenen Portion Masochismus dachte ich aber an eine verschärfte Variante, nämlich über die Rote Lenke, die Michltalscharte und die Lasnitzenalm zurück nach Hinterbichl.

Die Wetterverhältnisse waren etwas merkwürdig. Im Großen und Ganzen führte der Sommer sich ganz passabel auf, aber auf früheren Touren hatten ich in größeren Höhen doch einige Altschneefelder gesehen. Eine telefonische Nachfrage auf der Neuen Reichenberger Hütte ergab, dass Rote Lenke und Michltalscharte gangbar seien. Etwas Kopfzerbrechen machten mir die drohenden Nachmittagsgewitter, aber ich beruhigte mich damit, dass ich bei Wetterverschlechterung gleich zwei Abkürzungen ins Virgental nehmen könnte.

Anstieg von St. Jakob aus

Um halb neun schultere ich in St. Jakob meinen Rucksack und stapfe durch den kühlen Talausgang des Trojer Almbaches los. Der gemütliche, nur leicht ansteigende Fahrweg erleichtert es mir, den richtigen Gehrhythmus zu finden. Nach zwanzig Minuten bin ich warmgelaufen und trenne mich sogleich von meiner obersten Bekleidungsschicht. Bald stehe ich vor der ersten Entscheidung: Soll ich den weiterhin nur sanft ansteigenden Weg über die Trojer Almen einschlagen oder den eher herzhaft nach oben führenden Knappensteig? Ich wähle die zweite Möglichkeit, schon um den vielen Wanderern auf der Almenstraße aus dem Weg zu gehen. Mir ist heute nach Ruhe zumute.

Der Knappensteig führt als schmaler und teilweise schlecht erkennbarer Trampelpfad durch den Lärchen- und Föhrenhang schräg traversierend bis über die Baumgrenze. Sein Name verweist auf die weit oben liegenden Knappengruben - ein auf­ge­lassenes Bergwerk. Es war lange verfallen; noch vor 10 Jahren gab es dort nur Grundmauern und die Überreste von Stolleneingängen zu besichtigen. Inzwischen wurde es restauriert und zu einem Museum ausgebaut. Allerdings habe ich heute keine Zeit für einen Besuch. Mein Weg führt nicht direkt an den Knappengruben vorbei - und außerdem fand ich den früheren Zustand deutlich spannender.

Der Weg wird anstrengender. Die Sonne treibt jetzt die Feuchtigkeit aus dem Boden, und es entwickelt sich ein leichtes Dschungelklima. So weiß ich die notwendigen Pausen fast zu schätzen - Orientierungspausen, wenn der Weg dreimal die aufwärtsführende Forststraße quert und nicht sofort zu erkennen ist, wo der Steig weiterführt. Wenige hundert Meter vor der Dürfelderalm verlasse ich den Wald und damit die feuchte, dampfende Hitze. Über einen kargen, steindurchsetzten Hang mit Niedriggehölz erreiche ich schnaufend und schwitzend den obersten Teil des Fahrweges. Der führt erst einmal fast horizontal weiter, somit ist mir eine Pause vergönnt, ohne Stehenbleiben natürlich!

Bei der Dürfelderalm schaue ich auf die Uhr: halb elf und etwa 900 Höhenmeter bewältigt! Ich habe den mir gesetzten Zeitrahmen exakt eingehalten. Die nächsten knapp 300 Höhenmeter werden etwas gemütlicher. Direkt nach dem Ende des Fahrweges geht es zwar noch einmal kurz und heftig nach oben, dann aber erlaubt mir der ohne wesentliche Höhenunterschiede weiterführende Rudolf-Kauschka-Höhenweg aufgrund meiner Schrittlänge ein richtiges «Zeitfressen». Wegen des frischen Windes ziehe ich eine leichte Jacke an, zurre den Rucksack zurecht, setze wegen der Sonne die Kappe auf und marschiere los.


Ein Stück recht gemütlich zur Hütte.

Gleich nach einer Biegung stehe ich mitten in einer wenig kooperativen Kuhherde. Das Almvieh steht zu Dutzenden im Weg herum, ich muss es teilweise regelrecht verscheuchen. Diese Blockade bremst mich zwar ein bisschen aus und macht auch das Vermeiden der reichhaltig herumliegenden «Tretminen» nicht ganz einfach. Aber ich habe gute Laune, und nach nicht einmal zehn Minuten verabschiedet mich das letzte der dicken Viecher mit einem sicher freundlich gemeinten Schwanzschlag. Die Glocken sind allerdings noch bis weit hinter die nächste Biegung zu hören.

Jetzt bin ich wieder im Tempo. Zum Dösen und Träumen ist aber keine Gelegenheit, denn der holprige Weg führt an einem mehrere hundert Meter abfallenden Steilhang entlang. Das erfordert Gehdisziplin und Konzentration.

Um halb zwölf treffe ich auf den aus dem Trojer Almtal heraufführenden «Standardweg». Leise, aus der Tiefe wahrnehmbare Stimmen verraten mir, dass ich die anderen Wanderer überholt habe. Da ich die letzte Dreiviertelstunde ohne größere An­strengung gelaufen bin, sind die zwanzig Minuten Steilaufstieg zur Neuen Reichenberger Hütte über lockeres Gestein zwar schweißtreibend, aber kaum belastend.

Auf der Hütte ist es noch relativ einsam. Die Hüttentourengeher sind schon lange weg, nur ein paar Frühaufsteher haben den Weg aus dem Defereggen- oder Virgental herauf schon geschafft.

Allerdings treffe ich überraschend einen Bekannten aus dem Tal, der wenige Minuten vor mir aus dem Virgental kommend die Hütte erreicht hat. Wir trinken beide einen Obstler aus meinem «Notproviant», und während ich nach der damit einhergehenden Ausdampfphase in den Gastraum gehe, um ein leichtes Mittagessen einzunehmen, sucht der Bergfreund in der weitläufigen Umgebung der Hütte Ruhe. Er hat es nicht eilig, will er doch später ganz gemütlich durch das Großbachtal zu den Jausenstationen Pebellalm und Islitzer Alm absteigen.

 

Neue Reichenberger Hütte


Über die Rote Lenke ins Kleinbachtal

Ich gönne mir eine Dreiviertelstunde Rast, frage den Hüttenwirt noch einmal nach den Wegverhältnissen, trage meine Tour ins Hüttenbuch ein und schlendere dann gemütlich am Nordufer des Bödensees entlang Richtung Rote Lenke. Der unproblematische Weg gestattet ein paar Rundblicke über den Kessel hinter der Neuen Reichenberger Hütte. Die schieferartigen und mineralreichen Wände, die ihn nach Osten und Süden begrenzen, wirken düster, aber die Hütte glänzt über dem Farbenspiel des Sees in der Sonne. Schnell wird es mir wieder warm, und als ich eine Dreiviertelstunde später auf der rostigen Roten Lenke stehe, freue ich mich auf einen gemütlichen Abstieg in den oberen Talboden des Kleinbachtales.

Links steigt eine Gruppe von der Gösleswand, die von hier aus über einen verwachsenen Hang problemlos bezwungen werden kann. Schweren Herzens erspare ich mir diesen Gipfel heute - mein Weg ist einfach noch zu weit.

Nach einer kurzen Pause zum Filmen und Schauen drängt es mich weiter - und dann weiß ich genau, dass die Wegeinschätzungen der Einheimischen gelegentlich mit Skepsis betrachtet werden müssen. Ein Blick über das schattige, ins Kleinbachtal abfallende Kar zeigt üppige Altschneefelder. Miss­trauisch schaue ich nach Trittspuren, ziehe schon einmal die Gamaschen über und stecke die breiten Teller auf die Teleskopstöcke. Diverse graubraune Fäden auf den Schneefeldern deuten an, dass der Weg gangbar ist, aber ich habe etwas Zweifel wegen der fortgeschrittenen Tageszeit und vermute eher sulzige Verhältnisse. Schon nach wenigen Schritten auf dem ersten Schneefeld sacke ich bis an die Waden ein. Ich habe Mühe, anschließend wieder festen Stand auf der Oberfläche zu bekommen. Noch ein, zwei Proben, dann beschließe ich, den sulzigen Schnee möglichst zu umgehen.

Also stapfe ich etwas missgelaunt in kräftezehrendem Auf und Ab durch das lockere Geröll, um zumindest die größeren oder dickeren Schneefelder zu vermeiden. Wo mir der Umweg zu weit erscheint, quere ich aber doch lieber vorsichtig den Schnee. Ich gehe wie auf Eierschalen und versuche möglichst, mein Gewicht zu verteilen und wenigstens einen kleinen Teil der Last auf die lang ausgezogenen Stöcke zu drücken, die 30 bis 40 Zentimeter tief einsacken und dann erst Halt finden. Das Herauspulen der versackten Stöcke kostet Kraft und Geduld - die Zeit verrinnt. Als ich nach anderthalb Stunden endlich auf dem Kleinbachboden angekommen bin, erwäge ich ernsthaft einen verkürzenden Direktabstieg ins Virgental. Es ist jetzt drei Uhr nachmittags, über der durch das Tal sichtbaren Venedigergruppe hängen dünne Wolken, das dunkle Kar der Roten Lenke steht aber schon gegen einen stärker ergrauten Himmel.

Aus dem Tal herauf kommen mir schwerbeladene Hüttentourengeher entgegnen. Wir fangen sogleich das Fachsimpeln an. Auch sie haben Bedenken wegen des Wetters, und als ich ihnen die Wegverhältnisse zur Neuen Reichenberger Hütte schildere, werden ihre Mienen skeptisch, denn im Aufstieg sind diese Schneefelder deutlich schikanöser! Aber zurücksteigen wollen die beiden nicht. Nach kritischen Blicken auf unsere Höhenmesser sind wir uns einig: Der Luftdruck ist noch stabil, also müssen wir nicht unmittelbar mit einem Gewitter rechnen. Die Tourengeher machen sich auf den anstrengenden Zweieinhalb-Stunden-Weg - und ich mustere noch einmal prüfend den Steilaufstieg zur Michltalscharte. Ich beschließe, die Tour wie geplant weiterzuführen. Der nach Südwest gerichtete Hang unterhalb der Scharte liegt normalerweise in der Sonne und ist schneefrei.


Über die Michltalscharte ins Lasnitzental

Die Gesprächspause und ein bisschen Wegzehrung haben mich erfrischt, ich schnalle die nassen Gamaschen auf den Rucksack und marschiere langsam durch den matschigen Kleinbachboden los. Die ersten hundert Höhenmeter sind noch relativ gemütlich, aber nach der Abzweigstelle ins Tal strengen die restlichen 140 Höhenmeter noch einmal deftig an. Der ausgetretene Weg führt in steilem Zickzack am weichen, bewachsenen Hang empor und ist an den Spitzkehren oft derartig abgesackt und ausgespült, dass man nur mit sehr hohen und kräftezehrenden Tritten weiterkommt. Ich habe die Stöcke weggeschnallt und muss nun doch gelegentlich die Hände zu Hilfe nehmen, ein Ausgleiten hätte einen sehr unangenehmen Rutscher über den Steilhang zur Folge.

Halb fünf. Endlich auf dem höchsten Punkt dieser Tour. Die Michltalscharte in 2.652m Seehöhe ist so schmal, dass ich vorsichtshalber den abgelegten Rucksack mit einem Stück Reepschnur an den verfallenen Resten einer Ruhebank sichere. Die Aussicht ist beeindruckend: Gegen Osten schneidet das Tal des Lasnitzenbaches tief ein, an dessen Hang sich das dünne Band des Muhs-Panorama-Wegs entlang zieht. Aus dem Norden glänzt die wolkenverhangene Venedigergruppe, und im Südosten steht der dunkle Lasörling wie drohend vor dem grauer werdenden Himmel. Das Fernglas holt mir die zuvor getroffene Zweiergruppe heran. Ich sehe, wie sie sich noch immer durch die üblen Schneefelder zur Roten Lenke quält. Ich wünsche den beiden innerlich gutes Wetter, filme ein bisschen, stärke mich mit einem «Kreislaufobstler» und mache mich auf den Abstieg ins Lasnitzental.

Es geht zunächst kräftig hinab, aber ich bin ein sehr guter Bergabgeher, und so spüre ich noch nichts von Puddingknien oder zitternden Waden.

Der Weg ist zunächst zwar steinig, aber sehr gut gangbar. Erst nach den ersten hundert Höhenmetern erweist sich der Abstieg durch das Michltal als unangenehm. Die Trittspuren sind teilweise sehr tief bis auf das Gestein ausgewaschen und sehr holprig, so dass ich nicht so recht in meinen Bergab-Rhythmus komme. Jetzt wird es auch noch um den Lasörling herum immer dunkler, und ich bin ein wenig beunruhigt, denn bei einem Gewitter liefe ich auf diesem oberen Teil des Michltals wie auf einem Präsentierteller. Als schließlich die ersten Tropfen über den finsteren Kamm hereinwehen, beschleunige ich meinen Schritt und «hetze» mit äußerster Konzentration weiter. Erst als ich die Hochfläche verlassen habe und der Weg nun steil nach unten führt, lasse ich es wieder etwas gemächlicher angehen.

Das Wetter verzieht sich wieder, ich höre zwar leichtes Grummeln aus dem Defereggental jenseits des Lasörlingkammes, aber als ich nach etwa einer Stunde am Lasnitzenbach stehe, kommt passend noch einmal die Sonne hervor. Da ich jetzt nur noch etwa 2.000m hoch bin, wird es sofort sehr warm. Noch eine etwas windige Bachüberquerung auf einer Behelfsbrücke, schnaufend ein paar Schritte nach oben - dann rufe ich noch beim Ablegen dem Wirt auf der Terrasse der Lasnitzenhütte meine Getränkebestellung zu. Obwohl die Zeit schon fortgeschritten ist, gönne ich mir eine ausgiebige Rast, denn ich bin durstig und spüre meine Beine jetzt doch ein wenig. Das Radler, das der Wirt mir bringt, stürze ich gierig hinunter. Während ein kühles Weißbier auf mich wartet, schäle ich mich aus den verschwitzten Klamotten, lasse mich kurz in der Sonne trocknen und ziehe dann ein angenehm frisches T-Shirt an. Jetzt schmeckt das Bier!


Heimwärts...

Nach etwas mehr als einer halben Stunde regt sich langsam der Hunger, sicheres Zeichen, dass es an der Zeit ist, zum Abendessen nach Hinterbichl abzusteigen. Auf dem bequemen Fahrweg ins Virgental schalte ich alle Gedanken ab und verfalle in diesen nützlichen Trance-Zustand, der mich auf einfachen Rückwegen Kilometer und Zeit fressen lässt. Leider verpasse ich dabei den steilen Abkürzungsweg durch den Wald. Doch eine innere Warnglocke bremst mich noch rechtzeitig. Nur zweihundert Meter muss ich zurückgehen bis zum Abzweig nach Hinterbichl. Im Wald muss ich wegen meiner Körpergröße wieder aufpassen, nichts ist's mehr mit tranceartigem Zuschreiten, viele schrägstehende Bäume überdachen den Weg genau in meiner Kopfhöhe.

Etwa eine Stunde nach meinem Aufbruch von der Lasnitzenalm passiere ich den Campingplatz in Hinterbichl, und als ich mich auf die vor dem Gästehaus stehende Bank fallen lasse, stürmt der Wirt aus dem Haus und bietet mir in weiser Voraussicht nicht den sonst üblichen Kaffee, sondern ein Weißbier an. Und dann muss ich den versammelten Hausgästen erzählen, wie ich von St.Jakob über die Neue Reichenberger Hütte, die Rote Lenke...

Und während ich erzähle, sehe und fühle ich noch einmal den Weg - etwa 20 Kilometer Hori­zon­talentfernung und über 10 Stunden auf den Beinen, das mache ich auch nicht jeden Tag...


Anmerkung: Mein etwas mulmiges Gefühl wegen des Wetters wurde gleich nach dem Abendessen eindrucksvoll bestätigt. Eines der schwersten Unwetter der letzten Jahre ließ in Hinterbichl die Keller volllaufen und alle Bäche zu reißenden Fluten werden...

 

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