Gnadenlose Weisheiten...

Ratschläge, auf die man gern verzichtet.
von Peter M. Faißt (with a little help from a friend...)

 

Spezialist?
Oh, yeah!

Kniebundhose, rote Socken, Tirolerhut - so ein lebenslang erfahrener Berggeher wie aus dem Lehrbuch kann schon Ehrfurcht einflößen. Das weibliche Pendant dazu trägt gerne rot-weiß-kariert, hat die Lebensmitte leicht überschritten und einen unschätzbaren Erfahrungsfundus angesammelt. Beide haben vor allem eines gemein: Sie teilen sich für ihr Leben gern mit!


«Oh weh, nur nicht ausruhen! Da kommen Sie nicht mehr hoch!»

Dieser Ratschlag kommt besonders gut, wenn man gerade genüsslich in der Sonne sitzt, Ruhe im Sinn, das Ziel im Kopf, und sich eine kleine Brotzeit einverleibt. «Zwei Stunden müssen Sie's schon noch durchhalten!» folgt dann meistens - als ob ich ohne Planung und Zeiteinteilung ins Blaue losgewandert wäre! Jeder muss seine Pausen selber wählen und den eigenen Rhythmus finden. Auch der Ratschlag der Zünftigen, nicht stehen zu bleiben, weil das angeblich ermüdet, ist sicher gut gemeint, aber nicht immer hilfreich. Wie soll man denn fotografieren ohne anzuhalten? Oder die Aussicht bewundern? Oder einen Schluck trinken? Bei allem Respekt: Ich finde es dann doch sehr lustig, wenn ich ein Stück Weges weiter aber noch nicht am Ziel so einen eisernen Bergmenschen in der Wiese sitzen und ein Brot mümmeln sehe.

Auch oben auf der Hütte kommt man immer wieder in den Genuss der Weisheit anderer.


«Oh weh, nur nicht die Schuhe ausziehen! Da quellen die Füße auf!»

Mit den Schuhen ist es wie mit den Kniebundhosen und den Socken. Wenn ich mit uralten, sicher glänzend eingelaufenen, aber schweren Lederstiefeln in den Berg ginge, würde ich vielleicht auch die Schnürsenkel unterwegs nicht öffnen. Für mich ist es ein Genuss, in einer sonnenbeschienenen Wiese ein paar Schritte barfuß zu gehen, und ich hatte noch nie Schwierigkeiten, hinterher wieder in die Schuhe zu steigen. Seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat die Forschung doch eine Reihe von High-Tech-Materialien entwickelt, die mit nahezu jedem Fuß zurecht kommen und mit angenehmer Unterstützung jeder Beanspruchung Rechnung tragen. Aber es ist natürlich schwierig, das mit einem dieser lebenden Vorbilder zu diskutieren, dem die Abgeklärtheit aus den Augen leuchtet wie der silberne Haarkranz in der Sonne.

Auch bei einem anderen Thema habe ich immer wieder Mühe, den Argumentationen der Erfahrenen zu folgen:


«Oh weh, nie allein in den Berg gehen!»

Schön, wenn man das oben in der Lasörlingruppe diskutieren muss! Es passiert mir immer wieder, wenn ich friedlich vor mich hin gehe und auf eine Gruppe von Wanderern treffe. Meistens ist ein ganz besonders erfahrener Alpinist dabei, so weit sich das an der Fülle von Hutnadeln, goldenen Wanderabzeichen und Alpenvereinsplaketten ablesen lässt. Und so einer lädt mich dann womöglich noch ein, mich zu meinem Schutz der Gruppe anzuschließen! Ich versuche, solche Diskussionen zu vermeiden - aber manchmal ärgere ich mich auch. Alpenverein hin oder her - wenn dieser weise Bergsteiger alle an seinem verfilzten Hut dokumentierten Gegenden stets nur in Begleitung aufgesucht hat, ist ihm etwas entgangen.

Ganz allein und ganz in Ruhe auf der verwegen schmalen Michltalscharte zu stehen - für mich ist das eines der nachhaltigsten Bergerlebnisse. In solchen Augenblicken unterhalte ich mich gar nicht gern und kann gut darauf verzichten, dass mir jemand die sichtbaren Gipfel erklärt. Ich muss immer mal wieder allein in die Berge! Und bin erfahren genug, um mich auf Widrigkeiten und auch Gefahren richtig einzustellen. Meine Wirtsleute wissen immer, welche Tour ich gehe. Ich weiche nie von meinem Plan ab, es sei denn, ich kann es im Hüttenbuch dokumentieren oder - falls es funktioniert - mit dem Handy Bescheid sagen. Etwas Umsicht muss sein - aber den Genuss an Solo-Touren lasse ich mir nicht nehmen.

Genauso wenig möchte ich auf ein anderes Labsal verzichten, das mir regelmäßig meine Touren verschönt: Ein kühles Weißbier auf der letzten Hütte vor dem Abstieg ins Tal!


«Oh weh, nur kein Bier trinken!»

Meistens sind es mütterliche Damen, die mir vor dem lang ersehnten ersten Schluck kühl «ungesüßten Pfefferminztee» empfehlen - wahrscheinlich weil sie mein leicht derangiertes Aussehen nach anstrengenden Touren dauert (ich neige zu starkem Schwitzen). Ich hasse Pfefferminztee! Und ich finde es auch nicht spannend, wenn die ganze Hütte plötzlich über das geeignete Getränk diskutiert. «Wasser!» sagt ein knorriger Alter mit Hosenträgern, «heiße Zitrone» empfiehlt eine mollige Berglady - bei Außentemperaturen von 30 Grad! «Apfelschorle» - auf diesen Beitrag könnte ich mich notfalls noch einlassen. Aber am liebsten ist mir ein Wirt, der mir mit den Worten «Dös vertragt der scho!» das Bier hinstellt.

Wer jahrelang Touren geht, weiß irgendwann, was gut tut. Was habe ich früher nicht alles mitgeschleppt und trotzdem immer Durst gehabt! Mal ehrlich, ein kühles Weißbier, im Regelfall wirklich ein Abschlussgetränk, gehört bei anstrengenden Touren doch dazu! Jeder hat halt sein eigenes Ritual - und mir haben Freunde schon unterstellt: «Du gehst ja solche Touren nur, damit du nachher auch ein Weißbier kriegst!» Eines ist sicher: Mit einem Weißbier kann man die vielen gnadenlosen Weisheiten der Trenker-Nachfahren gelassen hinunterspülen!


 
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