Eine unvergessliche Rodelpartie

von Peter M. Faißt

Rodeln

Mitten in der Nacht von der Bodenalm ins Tal hinab zu rodeln, erfordert offensichtlich mehr als nur Trinkfestigkeit...

Im Geländebus sind Vorfreude und Spannung fast zu riechen! Die Scheiben des überfüllten Fahrzeugs sind stark beschlagen und an einigen Fensterecken beginnen sich kleine Eisblumen zu bilden. In der glasklaren Winternacht macht es keine Probleme, den gut verschneiten Fahrweg zur Bodenalm zu sehen.

Der Bus gibt sein letztes, von draußen fällt das monotone Klirren der Schneeketten und das Rattern der hinten angehängten Schlitten in das Geplappere der aufgeregten Fahrgäste.


«Eine nächtliche Schlittenpartie von der Bodenalm ins Tal ist mit das schönste, was ihr im Winterurlaub erleben könnt», hatte der Gastgeber versprochen und fleißig alles organisiert. Eine eingeschworene Schar von Hausgästen fieberte seit Tagen diesem Ereignis entgegen und war selbstverständlich freundlich genug, den älteren Herrn, der gegen Abend nachgefragt hatte, in den Kreis der Rodler aufzunehmen.

«Jetzt geht's nit mehr!» verkündet der Fahrer, und nach einem letzten Aufheulen des Motors und dem schabenden Geräusch der durchdrehenden Reifen, steckt der Bus im tiefer werdenden Schnee fest.

Während die Männer schnaufend und schwitzend dabei helfen, den Bus umzudrehen, damit er wieder talwärts fahren kann, stapfen die Frauen und Kinder mit den Schlitten langsam Richtung Bodenalm, wo sie in etwa zwanzig Minuten ankommen sollen. Der ältere Herr ist zurückgeblieben und schließt sich jetzt den Männern an, die nun zügigen Schrittes ebenfalls bergan gehen. An der Spitze und am Ende der kleinen Kolonne helfen zwei funzelige Stirnlampen bei der Orientierung.

Die Nachhut hat es schwer! Mehr als einmal muss der ältere Herr stehen bleiben, weil ihm die Luft ausgeht. Erst als der letzte auch seinen Schlitten hinter sich herzieht, kommt die Kolonne einigermaßen zügig voran.

Im Gastraum der Bodenalm geht es schon zünftig einher, als die Männer endlich ankommen. Nach der klirrenden Kälte auf dem Weg schlägt ihnen die warme Luft der gut geheizten Stube wie eine Mauer entgegen. Schnell haben die ersten Weißbierchen den Weg durch die durstigen Kehlen gefunden. Punsch, Glühwein und so manches Schnapserl lassen die fröhlichen und übermütigen Rodler in den nächsten zwei Stunden nicht auf dem Tisch verkommen.

Gegen elf ist der Aufbruch angesagt. Während die jungen Burschen draußen schon ungeduldig mit den Schlitten herumrutschen, braucht der ältere Teil der Gruppe ein Weilchen, um sich im Vorraum mit all den Schals, Mützen, Daunenjacken und Fäustlingen wintergerecht zu bekleiden. Und sie müssen dem älteren Herrn ein wenig helfen, der mit seinem dicken Winterzeug überhaupt nicht zurecht kommen will. Schnell sind Vorhut und Nachhut bestimmt, die wenigen Stirnlampen gleichmäßig verteilt, und nach den ersten vorsichtigen Rutschern geht es endlich Richtung Tal.

Rums - Rums - Rums: es wundert niemanden, dass die übermütigen Kinder schon bei der ersten schärferen Kurve mit Purzelbäumen in den hohen Schneewehen landen. Sie lachen und stecken die Erwachsenen, die sich wenige Augenblicke später wieder versammelt haben, mit ihrer guten Laune an. Die Kinder drängen schnell weiter, und als die anderen gerade folgen wollen, vermisst man den älteren Herrn. Ein paar Meter zurück finden sie ihn. Neben einem völlig geraden Stück ohne bedeutendes Gefälle liegen Schlitten und Rodler regungslos im Schnee.

«Ich bin wohl umgefallen», meint der Herr mit schwerer Zunge sinnigerweise und muss von zwei Männern gezogen werden, damit er wieder auf die Beine kommt. Irgendwie erweckt er den Eindruck, dass er gerade ein Nickerchen gehalten hat. «Du fahrschd jetzt direkt vor mir!» ordnet der Gastgeber an, der mit einer starken Lampe die Nachhut bildet, und während die jungen Leute bereits kreischend und lachend aus der nächsten Kurve geflogen sind, rutschen die Nachzügler gemächlich weiter.

Rums - der ältere Herr hat sich etwas zu weit nach hinten gesetzt, der Schlitten geht vorn in die Höhe und schon liegt der Herr wieder rücklings im Schnee.

Erneut braucht es zwei starke Männer, um den Verunglückten in den Stand zu bringen. Der ältere Herr bringt wieder etwas zu seiner Entschuldigung hervor, aber es ist unverständlich - und so langsam dämmert es allen, dass der Gute dem Alkohol ein wenig zu engagiert zugesprochen hat. «Den habe ich heute Nachmittag schon vor dem Bier sitzen sehen», erinnerte sich die Gastgeberin, «ich glaube, der ist jetzt fertig!» Kopfschüttelnd setzt man ihn wieder auf den Schlitten, aber - rums - schon wenige Meter weiter fährt der Herr in einer Kurve geradeaus und versinkt fast spurlos im tiefen Schnee.

«Den können wir nicht allein fahren lassen, da kommen wir nie unten an!». Der ältere Herr wird mit etwas Mühe hinter die Gastgeberin auf den Schlitten platziert, sein Rodel irgendwo anders hinten angebunden.

Rums - die Gastgeberin bremst wie wild vor der nächsten Kurve, während der ältere Herr auf seinem Rücken auf dem glatten Untergrund weiterrutscht und erst von der nächsten Schneewehe gestoppt wird. «Du muschd dich halt festhalten!» schimpfen alle und versuchen den inzwischen ziemlich vereisten Herrn wieder auf den Schlitten zu bringen. Seine Beine müssen auf die Kufen gestellt werden und irgendwie soll er auch seine Arme um seine Schlittenfahrerin schlingen.

Rums - dieses Mal sind sie noch gar nicht losgefahren, als der Herr bereits nach hinten vom Schlitten gefallen ist. «Ich nagle ihn gleich fest!» schimpft der Gastgeber missmutig, und auch die anderen sind langsam sehr genervt, denn statt in einer zünftigen Rodelpartie rutschen sie jetzt sozusagen im Bergrettungseinsatz ins Tal. Allmählich frieren sie auch, denn sie stehen ja mehr, als dass sie in Bewegung sind. Wieder gelingt es, den älteren Herrn kunstgerecht auf den Schlitten zu heben und nach einer eindringlichen Ermahnung, sich endlich festzuhalten, geht es allmählich voran.

Rums - rums - rums: bei jedem kleinen Holperer und natürlich bei jeder scharfen Kurve gibt der Schlitten den älteren Herrn frei. Die beiden Männer, die freiwillig eine doppelte Nachhut bilden, gehen inzwischen mit einer stoischen Routine ihrer Rettungsarbeit nach. «Fahrt zu!» rufen sie den anderen zu, damit die wenigstens ihren Spaß haben. Die lassen sich das natürlich nicht zweimal sagen und sausen nun endlich ungestört die kilometerlange Abfahrt bis nach Prägraten hinein entlang. Noch immer landen die Kinder in fast jeder Kurve lachend und kreischend im Schnee, aber die Gruppe ist insgesamt so schnell, dass sie unten sehr lange warten müssen, bis die Nachzügler endlich auftauchen.

Der ältere Herr ist jetzt hellwach und beginnt von der schönen Schlittenfahrt zu schwärmen, während Gastgeberin und Gastgeber die Augen verdrehen. Schnell ist die frierende Gruppe im warmen Bus verstaut, der alle schnell wieder in die Pension bringt, wo zum Tagesabschluss ein heißer Glühwein die Kälte vertreiben soll. Der ältere Herr allerdings will sich zur Ruhe begeben und geht nach oben auf sein Zimmer. Und mitten in das begeisterte Geplapper der Rodelgruppe dröhnt von oben ein dumpfes «Rums».

«Jetzt ist er auch noch aus dem Bett gefallen!» lacht einer. «Er hat niemanden mehr zum Festhalten!»

Die Gastgeberin schlägt kurz die Hände vor das Gesicht und sagt: «Ich mach da jetzt nicht mehr mit! Was meint ihr, wo der sich überall festgehalten hat! Aber die blauen Flecken, darf ich euch nicht zeigen...»

 

I ♥ HIBI aktualisiert: 09.07.12
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