Eine Stampede im Großbachtal!

Eine Schmunzelgeschichte aus 1992 - v. Peter M. Faißt

Uff, die Schnauferei schien erst einmal zu Ende. Etwas atemlos rasteten wir am weiten Eingang des Großbachtales und spürten noch ein wenig den Steilaufstieg von der Pebell-Alm herauf. Der zweiundneunziger Juli gab sich heiß und trocken und der tiefblaue Himmel mit der gleißenden Sonne versprach einen schweißtreibenden Marsch zur Neuen Reichenberger Hütte. Das übertriebene Hochsommerwetter hielt wohl viele Tourengeher zurück, denn heute war es sehr einsam hier oben, von irgendwo her schien Kuhglockengeläut an unsere Ohren zu dringen und Gabi meinte, irgendwo in den Hängen Schafe zu erblicken.

«Rindviecher und Schafe unter sich», meinte ich und spielte damit darauf an, dass man uns abgeraten hatte, bei dieser Hitze eine so lange Tour zu machen. Aber die masochistische Ader in uns trieb uns voran und so schulterten wir schon nach wenigen Minuten und einem noch halbwegs kühlen Getränk unsere Rucksäcke um weiter  in das Tal hinein zu stapfen.

Mehrfach bremsten Viehabsperrungen unseren gleichmäßigen und zügigen Schritt. Wir ärgerten uns ein wenig, dass man sich hier nicht die Mühe gemacht hatte, die bekannten kleinen Türchen anzubringen sondern einfach Stacheldraht gezogen hatte, der sich gegenüber Wanderhosen recht aggressiv gab. Am dritten oder vierten Hindernis rasteten wir noch einmal kurz und wunderten uns darüber, dass weit und breit kein Vieh zu sehen war.

«Ich verstehe nicht, warum die hier unten Stacheldraht ziehen, wo die Schafe doch da oben gemütlich den ganzen Hang entlang spazieren können!» sagte Gabi und ich blickte in die von ihr angezeigte Richtung.

Sehr weit oben bewegten sich etwas mehr als ein Dutzend kleine, graubraune Tiergestalten die gemütlich den Abhang traversierten.

«Das sind doch keine Schafe», meinte ich zweifelnd und starrte angestrengt nach oben. «Von der Größe her müssten es eigentlich Kühe sein, aber genau kann ich das auf diese Entfernung hin nicht feststellen.»

Egal - was sollten wir uns weiter um das «dumme» Viehzeug kümmern! Waren wir doch froh, dass es diesmal nicht störrisch und hinderlich im Weg herumstand und uns mit seinen rustikal riechenden landwirtschaftlichen Naturprodukten die Bergstiefel würzte. Vorsichtig überwanden wir den Stacheldrahtverhau und strebten dem nächsten Hindernis zu, das sich ein paarhundert Meter entfernt in Form eines kleinen Steinwalles entgegenstellte.

Plötzlich ein bedrohliches Geräusch von links oben. Unwillkürlich vermutete ich einen Geröllabgang - gerade in diesem Sommer hatten wir rund um die Bonn-Matreier Hütte und die Wunspitze mehrfach dieses Gerumpel gehört. Wir schauten beide besorgt in die Höhe, um die Gefahr zu lokalisieren. Und gleichzeitig brachen wir in erleichtertes Lachen aus, denn die befürchtete Steinlawine entpuppte sich als offensichtlich durchgegangene Kuhherde. Soweit es das Gefälle zuließ, galoppierte ein gutes Dutzend stattlich aussehender Viecher mit halsbrecherischer Geschwindigkeit in einer Staubwolke den Abhang hinunter und zeigte dabei eine merkwürdige Zuneigung für genau unseren Standplatz.

Gabi und ich blieben erst einmal stehen, um den Ausgang dieses «Stampedes» abzuwarten. Was mochte die sonst so stoischen und gutmütigen Tiere zu diesem Verhalten angetrieben haben? Ziemlich schnell und unseres Erachtens auch ziemlich nutzlos preschte die Herde wohl drei- bis vierhundert Meter herunter und hielt dabei gleichmäßig auf uns zu. Es wurde uns ein bisschen mulmig, aber bevor wir die Situation richtig erfasst hatten, bremste der Viehkonvoi fast ruckartig hinter dem niedrigen Steinwall, den wir als nächstes zu übersteigen hatten.

«Blöde Viecher!» lachte ich. Wir gingen weiter und ahnten, dass wir uns jetzt mühsam durch die ignorant herumstehenden Tiere durchschlängeln mussten.

Gabi blieb stehen. «Die schauen heute aber nicht lieb!» Es sollte scherzhaft klingen, aber ein Blick auf die direkt hinter dem Mäuerchen stehenden Tiere ließ mich auch stutzen. Ganz vorne stand ein stattliches Exemplar und - ungelogen - das Vieh sah mir auf zwanzig Meter direkt in die Augen. Hörte ich da ein Schnauben? Quatsch! Seit wann habe ich denn vor Kühen Respekt? Ich ging ganz normal weiter. Inzwischen starrten mich zwei Paar Augen an - und Gabi zog hinten am Rucksack.

«Du, ich glaube, das sind keine Kühe!»

Ich blieb erneut stehen und schaute etwas genauer auf die Herumstehenden. Leider versperrte der niedrige Steinwall den Blick auf sichere anatomische Unterscheidungsmerkmale, aber als ich mich noch ein paar Meter weiter getraut hatte, konnte ich besser schauen und war mir sicher.

«Oh ja, das sind Stiere oder Bullen - oder wie sagt man?»

«Auf alle Fälle sind's keine weiblichen Exemplare», bestätigte Gabi. «Und aggressiv sehen sie auch aus!»

Der am weitesten vorne stehende gab diesem Vorurteil recht. Richtig: jetzt schnaubte er deutlich hörbar und Gabi meinte auch noch, ihn mit dem Vorderfuß scharren zu sehen.

Nach dem ersten Schreck fanden wir das ganz lustig und spekulierten ein wenig über den Grund der vermeintlichen Aggression. Vielleicht mochten sie meinen pinkfarbenen Rucksack nicht? Oder konnten die Tiere vielleicht Angst und Unsicherheit spüren? Die würden sich schon wieder beruhigen.

Während wir noch zögernd wenige Meter vor dem Mäuerchen standen, passierte uns von hinten ein Wanderer. Er grüßte ortsüblich, stieg über das Hindernis und schlängelte sich problemlos durch das Dutzend Tiere. Sie würdigten ihn nicht eines einziges Blickes!

Wir wollten die Gunst des Augenblickes nutzen und näherten uns nun schnell dem Steinwall.

Wie auf ein geheimes Kommando hin standen plötzlich wieder drei Bullen im Weg und starrten uns an. War da wieder ein Schnauben?

«Die mögen uns nicht!» stellte Gabi fest und ich war versucht, ihr Recht zu geben.

In der nächsten halben Stunde versuchten wir einiges, um die dreisten Viecher abzulenken. Erst zogen wir uns zwanzig Meter zurück. Ohne Erfolg. Dann weitere zwanzig. Ohne Erfolg. Erst nachdem wir uns hinter den nächsten Weidezaun zurückgezogen hatten, strebte die Herde gemütlich auseinander. Wir warteten zehn Minuten und näherten uns dann betont locker dem Steinmäuerchen.

Es sollte nicht sein! Wir befanden uns noch keine zehn Meter vor dem Wall, als die Bullenschar wieder versammelt war. Hier war kein Durchkommen!

Gabi und ich schauten uns an und - drehten um!

Leicht verärgert saßen wir nach dem anstrengenden Abstieg ins Umbaltal beim Johannes auf der Islitzer Alm und diskutierten langatmig dieses merkwürdige Erlebnis. Nein, dem Johannes konnten wir das nicht beichten, aber im Gästehaus mussten wir später natürlich von unserer Tagestour erzählen. Wir waren ja nun relativ früh zurück - und das fiel auf. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass unsere Begegnung mit den heimischen «Wildtieren» große Erheiterung auslöste. «Jaja, die Jungbullen, die hat's da oben oft. Die san halt bisserl übermütig!»

Wir ließen uns gern darüber belehren, dass die jungen Rowdies des Großbachtals «an sich» harmlos seien, aber ich muss gestehen, dass ich in darauffolgenden Jahren auf dem Weg zur Neuen Reichenberger Hütte stets die Hänge im Auge hatte.

Und den pinkfarbenen Rucksack habe ich nie wieder getragen...

 

I ♥ HIBI aktualisiert: 09.07.12
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