Wo drückt der Schuh?

Eine Geschichte aus dem Sommer 2002

von Peter M. Faißt

Nein - während des Tages bemerkte ich nichts Ungewöhnliches an meinen alten Bergschuhen. Sie waren staubig und verschrammt wie seit einigen Jahren, und erst im Nachhinein erinnerte ich mich nun, dass ich die angescheuerte Stelle des Schnürsenkels heute morgen vermisst hatte. Nun, ich hatte die Schuhe schon vor ein paar Tagen endlich einmal gründlich neu gezurrt und am Morgen somit vermutet, dass die Scheuerstelle unter einer Lasche versteckt sei. Wie beim letzten Dutzend Bergtouren haderte ich wieder einmal mit mir und machte mir Vorhaltungen, dass es sicher nicht mehr lange dauern würde, bis ich mitten auf einer Tour an einem zerrissenen Schuhbändel herumfrickeln müsste.

Bemerkt habe ich nichts - aber gespürt: am Abend schmerzen meine Füße wie seit Jahren nicht mehr. Himmel! Komme ich nun endgültig in das Alter, in dem der Materialverschleiß erbarmungslos zuschlägt? Sind meine Knochen nun endgültig so herunter gewirtschaftet, dass mir ein ganz normaler Abstieg von der Bonn-Matreier Hütte schmerzende Fußsohlen bereitet? Über ein zwickendes Knie oder ein paar leichte Muskelschmerzen hätte ich mich nicht gewundert, aber die Fußsohlen?

Verschwindet, ihr dunklen Gedanken! Die Bergstiefel habe ich ja schon auf dem Parkplatz Wallhorn ausgezogen, nun sitze ich mit Freunden bei einem Weißbier entspannt vor dem Haus und lasse die Füße in den leichten Sandalen auslüften.

«Schatz, weißt du, wo ich meine Bergschuhe hingestellt habe?» fragt Markus und sucht das Schuhregal ab. In der linken Hand hält er eine Bürste, mit der Rechten präsentiert er zwei dieser dünnen Fußbettsohlen, die sich heutzutage in jedem guten Bergschuh befinden. Seine Frau rutscht auf den Knien herum und durchsucht die unteren Fächer. Die beiden sind ratlos. Sind die Schuhe noch im Auto? Oder oben auf dem Balkon? Keiner von beiden kann sich erinnern. Haben wir die Schuhe womöglich irgendwo vergessen? Markus ist von einer scharfen Bergtour zurück und hat zuletzt Turnschuhe getragen. 

«Ich habe die Schuhe nicht vergessen oder verloren! Ich nehme abends immer die Einlegesohlen heraus und stelle die Schuhe ins Regal - und jetzt sind die Schuhe fort!»

Conny und Albert - die Wirtsleute - werden befragt: Sind heute Gäste abgereist? Es könnte ja durchaus vorkommen, dass jemand ein falsches Paar einpackt.

Immer noch herrscht große Ratlosigkeit, während wir jetzt gemeinsam intensiv die gängigen Abstellmöglichkeiten durchsuchen. Die beiden Buben des Hauses geraten auch noch in Verdacht - Fehlanzeige: alle Erklärungsversuche scheitern.

«Da sind sie doch» ruft Ulla plötzlich erleichtert aus und deutet auf ein paar graue Treter. «Nein, die gehören mir» - will ich sagen und gerate ins Grübeln...

Abstieg - Parkplatz - Rückfahrt: die Schuhe müssten doch eigentlich - - - ich zücke den Autoschlüssel und öffne den Kofferraum. Und da stehen sie: Markus' Schuhe - ohne Fußbettsohlen. Nun - ich werde wohl alt, aber mit «Materialverschleiß» hat das offensichtlich nichts zu tun...

 

 
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