Die Abkürzung auf die Kreuzspitze

Die unsägliche Verwirrung eines altgedienten Berggehers!

Story aus 1998 von Peter M. Faißt

Herr B. - ein treuer Besucher des Virgentals - stand im Ruf, einer der ausdauerndsten und schnellsten Berggeher zu sein. Der rüstige Rentner hatte vor Jahren nach einer schweren Krankheit sein Leben total umgekrempelt, mit dem Rauchen aufgehört und mit Marathonlauf und ähnlichen masochistischen Umtrieben begonnen. Er ging gern allein - auch weil er selten jemanden fand, der mit ihm mithalten konnte.

Ich traf Herrn B. morgens vor dem Gästehaus, als ich eine Tasse Kaffee und meine Frühstückszigarette genoss. Er zog sich die Bergstiefel an und verkündete, während er schon losmarschierte, dass er über die Sajathütte zur Kreuzspitze aufsteigen wolle. Ich hatte denselben Weg vor - und fand es gut, dass Herr B. schon aufbrach. Abgesehen davon, dass ich alleine gehen wollte, hätte ich ohnehin keine Chance, mit ihm Schritt zu halten. Außerdem hatte ich mir etwas ganz Besonderes vorgenommen.

Über die Kreuzspitze!

Ich brach wenig später auf, fuhr mit dem Auto nach Bichl - und irgendwann am späteren Vormittag saß ich oberhalb der Sajathütte kurz vor dem Einstieg zur Kreuzspitze, um mich nach dem anstrengenden Aufstieg durch das rutschige Gelände des Sajatkars noch etwas zu stärken bzw. wieder einen normalen Pulsschlag zu bekommen. 

Von unten stapfte gleichmäßig und zügig eine drahtige Gestalt heran. Es war Herr B., der schnell an meinen Rastplatz herankam und mir im Vorbeigehen ein etwas mundfaules «Hallo!» zurief. Ich winkte nur mit meiner Trinkflasche, ließ ihn in den senkrechten Kamin einsteigen und wartete, bis er oben angekommen war, um nicht womöglich noch einen Stein auf den Kopf zu bekommen.

Herr B. war natürlich deutlich vor mir auf dem Gipfel, ich hatte aber auch gar nicht versucht, sein Tempo zu übernehmen. Trotzdem war ich schneller als geplant - und so ergab es sich, dass wir uns doch noch auf dem Gipfel zusammenfanden. Herr B. erschien mir merkwürdig wortkarg, er unterhielt sich dann aber mit einem anderen Bergsteiger, der kurz nach mir den Gipfel erreicht hatte. Dieser stieg ziemlich schnell wieder ins Sajatkar ab, während Herr B. mir den Vorschlag machte, über den fast vergessenen Weg an der Nordflanke der Kreuzspitze zur Johannishütte hin abzusteigen. Er würde sich wohler fühlen, wenn er diesen Weg nicht alleine gehen müsse. Ich sagte ihm meine Begleitung zu, wies ihn aber darauf hin, dass ich sein Tempo nicht mithalten könne. Wir beschlossen, beide unser eigenes Tempo zu gehen, dabei aber möglichst immer in Sichtverbindung zu bleiben. Er marschierte los, und ich nutzte sein Vorangehen aus, um mir den Wegverlauf über das kaum noch markierte Schuttgelände einzuprägen.

Eine halbe Stunde später brach ich auf und stieg über die steile und rutschige Nordflanke ab. Gelegentlich schaute ich nach Herrn B., er drehte sich in regelmäßigen Abständen um. Sicht­ver­bindung - wir winkten uns zu. Als ich nach etwa einer Stunde den Taleinschnitt zur Zopetspitze erreichte, bog Herr B. bereits in die Flanke des Dorfertals ein und strebte der Johannishütte zu. Aber nun lag der kritische Teil des Wegs hinter uns und wir brauchten uns nicht mehr gegenseitig zu beobachten.

Nach dem etwas anstrengenden Abstieg über lockere Schuttmassen genehmigte ich mir noch eine kurze Rast und machte mich dann auf die letzte Etappe zur Hütte. Jetzt trabte ich in meinem besten Bergabtempo, das schon manche Mitgeher zur Verzweiflung gebracht hat. Herrn B. konnte ich zwar nicht mehr einholen, aber nur kurze Zeit nach ihm bekam ich in der letzten Nachmittagssonne das ersehnte Weißbier auf der Johannishütte.

Herr B. war noch immer recht wortkarg, obwohl wir eine kleine Fachsimpelei über den Abstieg begonnen hatten. Und bald wusste ich, warum - er hatte ein Problem. Er war etwas verwirrt, so sagte er, weil ich ihn am Fuß des Gipfelaufstiegs erwartet hatte, obwohl er doch deutlich vor mir aufgebrochen und zudem seine beste Zeit zur Sajathütte gelaufen war. Ob er wohl senil werde, fragte er sich. Ich müsse ihn ja irgendwo auf dem Katinweg überholt haben - und das habe er überhaupt nicht mitbekommen. Durchs Timmeltal und über die Sajatscharte sei es ja schließlich weiter, kurz: er konnte sich das überhaupt nicht erklären. Ob mir die Einheimischen eine Abkürzung verraten hätten, die er nicht kenne?


Die Abkürzung

Ja, es gibt eine Abkürzung, klärte ich ihn auf - ließ ihn aber noch eine Weile in seiner Verwirrung schmoren. Mein Geheimnis hätte er ohnehin nie erraten...

Vor Jahren hatte ich mit anderen Gästen darüber diskutiert, wie praktisch es wäre, mit der Materialseilbahn zur Sajathütte zu fahren. Während die anderen nur abgewinkt oder sich in leicht übertriebenem Entsetzen geschüttelt hatten, nagelte meine Gastgeberin mich auf diesen Plan fest - und versprach auch, meinen Transport mit den Hüttenbesitzern abzusprechen. Also musste ich irgendwann dieses kleine Abenteuer wagen, schon um die Unkenrufe und Lästereien der anderen Hausgäste zum Verstummen zu bringen.

Kurz nach Herrn B. war ich am Morgen aufgebrochen und nach Bichl gefahren. Doch während er Kehre um Kehre des Katinweges hinter sich ließ, saß ich zwischen Brotkörben und tiefgefrorenen Fleischstücken in der etwas wackeligen Kiste, die zur Hütte emporgezogen wurde.

In etwas mehr als einer Viertelstunde rumpelte die Seilbahn nach oben, und ich hatte Muße, die herrlichen Tiefblicke zu genießen, die sich mit zunehmender Höhe veränderten.

Ich sah das schmale Band des Katinwegs und erblickte auch einige Wanderer, die sich über diesen steilen Aufstieg empor schufteten. Fast war ich etwas enttäuscht, denn die Seilbahnfahrt erwies sich als weniger spektakulär, als ich mir vorgestellt hatte. Ich habe keine Höhenangst, und die Kiste schwankte in der windstillen Spätsommerluft nur an den Pfeilern leicht oder dann, wenn ich mich in der Enge umdrehte oder umsetzte, um mehr zu sehen.

Nach dieser «Abkürzung» war ich natürlich einer der ersten Gäste auf der Sajathütte. Ich widmete mich einem kurzen Zweitfrühstück, und als ich Zeche und Seilbahnfahrt bezahlte, fragte mich Hüttenwirtin Maria Kratzer, was denn mein Tagesziel sei. Kreuzspitze, sagte ich und löste damit krasses Erstaunen aus. Sie hatte gedacht, ich sei «fußkrank», sonst hätte man mich nie mit der Seilbahn «heraufgezogen», das sei nämlich absolut nicht üblich. Am Abend musste ich mit meiner Gastgeberin ein ernstes Wort reden, weil sie mich als Invaliden verleumdet hatte. Doch sie schwor Stein und Bein, nichts derartiges gesagt zu haben...

Herrn B. jedenfalls fiel auf der Johannishütte ein Stein vom Herzen und er musste mir einfach ein Bier ausgeben, weil ich ihn so «schlitzohrig» hinters Licht geführt hatte. Anschließend war er weniger wortkarg - und wir schlenderten zügig und lebhaft plaudernd über den Fahrweg ins Tal hinab. Und die «Abkürzung auf die Kreuzspitze» ist inzwischen zu einer der Geschichten geworden, die beim gemütlichen Zusammensein der Hausgäste immer wieder gern erzählt wird.

 

I ♥ HIBI aktualisiert: 09.07.12
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